HOME ¦ Inhalt Libyen Libyen - Leben in Ghadames
zurück

Die Stadt bestimmt das Leben - Das Leben bestimmt die Stadt

Der Aufbau der Stadt und das Leben darin sind eng miteinander verknüpft. Als Schutz gegen Aussen ist die Stadt mit einer sieben Kilometer langen Mauer umgeben. Sieben separate Eingänge führen in die Quartiere der sieben Familien, die untereinander verbunden sind. Die eng zusammengebauten Häuser sind durch enge verschlungene Strässchen miteinander verknüpft, die mit Palmblätter abgedeckt wurden um der Hitze zu trotzen. Alle paar Meter befindet sich ein Loch in der Abdeckung, damit Licht in die Strassen fällt. Im Falle eines Angriffes konnten die Löcher abgedeckt werden, so dass sich die Eindringlinge in den dunklen Gassen verirrten.


Brunnen ausserhalb der Stadt standen Reisenden und ihren Tieren zur Verfügung.


Schmale Wege verbinden die Dächer. Sie wurden ausschliesslich von den Frauen benutzt.


Reich geschmücktes Wohnzimmer. Die vielen Spiegel an der Wand verteilen das spärliche Licht im Raum.


Blick in eine Küche auf dem Dach.

Ein Ausgeklügeltes Wasserversorgungssystem zeiht sich durch die ganze Stadt: Von der Quelle wird das Wasser zuerst zu den Moscheen geleitet, wo es zur Körperreinigung vor dem Beten dient. Danach wird es durch Kanäle zu den Plätzen geleitet, wo es für den Hausgebrauch verwendet wird. Zum Schluss erreicht es die Gärten, wo es zum Bewässern der Pflanzen und zum Tränken der Tiere gebraucht wird. Schliesslich fliesst es auch in ausserhalb der Stadt, wo die Tiere der Karawanen getränkt werden und die Felder bewässert werden.

Das Leben der Männer und Frauen fand komplett getrennt statt. Die Strassen und Plätze wurden fast ausschliesslich von den Männern benutzt. Sie verkauften die Güter in den Läden, bestellten die Felder, versorgten die Tiere, trafen sich auf den Plätzen zum Diskutieren und um Neuigkeiten auszutauschen. Die verschiedenen Plätze wurden von Männern verschiedenen Alters benutzt. Sowohl Männer als auch Frauen bilden zudem untereinander Gruppen, die aus jenen bestehen, die gleichzeitig zum ersten Mal den Ramadan begehen (zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr). Diese Gruppen halten ein Leben lang zusammen und bilden eine soziale Einheit. Jede Gruppe hat einen Anführer (der oder die Älteste), untereinander ruft man sich bei einem speziellen Übernamen.

Die Frauen leben in den Hàusern und betreten die Strassen nur, um Wasser zu holen. Sie bestimmen im Haus. Um untereinander Kontakt halten zu können, bewegen Sie sich auf den Dächern, die untereinander mit schmalen Stegen verbunden sind. Ihr soziales Leben findet deshalb über der Stadt statt, von wo aus sie auch einen Guten Blick in die Umgebung der Stadt haben. Kommt eine neue Karawane an oder bricht ein Feuer aus, stimmen die Frauen Gesänge an, um die Männer zu warnen. Die Botschaft wird in Melodien und Worte verpackt.

Doch wie finden sich in einer so strickt nach Geschlechtern geteilten Gesellschaft junge Männer und Frauen um heiraten zu können? Hier kommen wieder die sozialen Gruppen ins Spiel: Männer aus einer Gruppe suchen sich meist Frauen aus einer jüngeren Gruppe aus. Vom Singen der Frauen auf den Dächern wissen sie, welche Mädchen in heiratsfähigem Alter sind. Sie kennen diese oft noch vom Sehen, als sie Kinder waren und noch in den Strassen zeigen durften. Wenn sich ein junger Mann für ein Mädchen interessiert, sagt er das seiner Mutter. Diese teilt es der Mutter des Mädchens mit, welche wiederum mit ihrem Mann spricht. Ist der Vater der Tochter einverstanden, trifft er sich auf der Strasse mit dem Vater des Sohnes. Der Kreislauf schliesst sich, wenn der Vater des Sohnes wieder mit seiner Frau spricht. Nach diesen geheimen Verhandlungen wird die Heiratsabsicht auf den Dächern der Stadt unter den Frauen weitergegeben und besungen, so dass es auch die Männer in den Strassen erfahren. Danach kann es bis zu einem Jahr dauern, bis das Paar heiratet (und sich erst dann auch tatsächlich wieder trifft). Eine Hochzeit dauert sieben Tage und sieben Nächte.

Jede Familie hat ihr eigenes Haus, die Kinder blieben zu Hause bis sie heiraten. Im Erdgeschoss befindet sich oft nur der Treppenaufgang in den oberen Stock und ein Lagerraum. Im ersten Geschoss befinden sich der Essraum, der von verschiedenen Schlafzimmern umgeben ist. So gibt es eins für die Eltern, eins für die Mädchen und eins für die Jungen, manchmal noch ein weiters für die Grosseltern. Diese Zimmer sind zum Teil leicht erhöht und über Treppen erreichbar. Ein spezielles Zimmer (von der Grösse her fast eher eine Kammer) gehört ausschliesslich der Frau. Dort empfängt sie in der Hochzeitsnacht den Bräutigam und gebiert die Kinder. Stirbt der Mann, wird sein Leichnam bis zur Beerdigung hineingelegt. Diverse weitere Nischen dienen als Lagerräume, Schränke und Toiletten. Die Toiletten bestehen aus Löchern im Boden, die Ausscheidungen werden in einen Behälter geleitet. Alle zwei Jahre wird dieser geleert und ausgespühlt.

Ein weitere Treppenaufgang führt auf das Dach, wo sich auch die Küche befindet. Männer können das Dach nur in der Sommerzeit betreten, wenn sie draussen übernachten.

In der Mitte der Stadt gibt es einen Zentralplatz mit zwei Moscheen, eine für jeden Stamm. Weiter Moscheen gibt es in den Quartieren. Am Zentralplatz ist ebenfalls die Wasseruhr mit ihrer ganz speziellen Zeitmessung. Ein Mann (früher ein Sklave) taucht einen Korb aus Palmblättern ins Wasser und zieht in sofort wieder hoch. Das Wasser tropft durch einen kleine Öffnung, so dass der Korb nach drei Minuten leer ist. Der Zeitmesser macht einen knoten in eine Palmschnur und füllt den Korb erneut. Wer an ihm vorbei geht kann von ihm die genaue Uhrzeit erfahren.

Das soziale Netz unter den Einwohner ist für deren Leben unabdingbar. Als um 1983/84 ein Grossteil der Familien in die von der Regierung bereitgestellten komfortablen Häuser umzog, brach das Leben zusammen. Heute lebt niemand mehr in der Altstadt von Ghadames. Zu spät haben die Einwohner gemerkt, dass sie der neu gewonnene Komfort für immer aus ihrem traditionellen Leben reisst.

weiter >>>

 

top